
Wie SaaS-Unternehmen ihre Bewertung im Agentic-Zeitalter sichern
Die Logik von SaaS war über zwei Jahrzehnte stabil: Workflows digitalisieren, Nutzerlizenzen skalieren, IT-Budgets erschließen. Wachstum folgte der Seat-Zahl, Bewertung der ARR-Dynamik. Mit Agentic AI verschiebt sich dieses Paradigma. Denn KI-Systeme unterstützen nicht mehr nur Entscheidungen – sie führen Prozesse autonom aus, orchestrieren systemübergreifend und übernehmen operative Verantwortung. Software entwickelt sich vom System of Record zum System of Action. Für Investoren ist das keine technologische Randnotiz, sondern eine strukturelle Bewertungsfrage: Bleibt ein Anbieter Interface – oder kontrolliert er operative Execution? Ein Beispiel: Ein klassisches CRM-System unterstützt Vertriebsmitarbeiter bei der Verwaltung von Leads und der Dokumentation von Aktivitäten. Ein System mit Execution Authority hingegen kann eigenständig nächste Schritte auslösen, Angebote generieren oder Follow-ups automatisiert steuern. Für SaaS-Unternehmen ergeben sich aus dieser neuen Realität zwei Strategien: Total Addressable Market (TAM) schützen und TAM erweitern.
Strategie 1: TAM schützen – strukturelle Verteidigungsfähigkeit aufbauen
Unternehmen mit strukturell stabilen Bewertungsmultiples sind tief in geschäftskritische Prozesse eingebettet und kontrollieren die zugrunde liegenden Kerndaten. Sie fungieren als „Single Source of Truth“ für transaktionsrelevante Prozesse und sind mit ERP-, CRM-, HR- oder Finance-Systemen integriert. Entscheidend ist nicht nur die technische Einbettung, sondern die strukturelle: Governance-Mechanismen, Berechtigungsstrukturen und regulatorische Kontrollanforderungen müssen integraler Bestandteil der Produktarchitektur sein.
Gerade in regulierten Branchen entsteht hier ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil. Generische AI-Agenten können Oberflächen automatisieren – aber sie ersetzen nicht ohne Weiteres historisch gewachsene Regelwerke, versionierte Datenhistorien, lückenlose Nachvollziehbarkeit und über Jahre kodifizierte Sonderfälle. In AI Due Diligences prüfen Investoren daher zunehmend, ob das Target tatsächlich operative Kernprozesse kontrolliert oder lediglich deren Benutzeroberfläche bereitstellt. Ohne strukturelle Verankerung bleibt jede AI-Initiative angreifbar, da generische AI-Agenten Software-Funktionen auf der Oberflächenebene leicht nachbilden und ersetzen können.
Strategie 2: TAM erweitern – den Schritt zur Execution Authority vollziehen
Neben dem Schutz der bestehenden Position eröffnet sich die strategische Option zur Expansion. Der entscheidende Hebel liegt hier im Übergang von unterstützender Software zu autonomer Prozessausführung.
Autonome KI-Systeme interpretieren Kontext, treffen regelbasierte Entscheidungen und führen Prozesse innerhalb definierter Guardrails aus. Damit verschiebt sich Monetarisierung von Seat-Modellen hin zu Outcome- und Automatisierungslogiken. Ein Beispiel: Ein klassisches HR-System wird pro Nutzer lizenziert und unterstützt bei administrativen Aufgaben. Ein System mit Execution Authority kann Recruiting-Prozesse eigenständig steuern, Kandidaten vorqualifizieren und Interviews koordinieren. Wert entsteht also nicht mehr dadurch, wie viele Nutzer Zugriff haben, sondern wie viele Stellen besetzt oder wie viele Prozessschritte automatisiert werden.
Für SaaS-Unternehmen bedeutet das eine systematische Weiterentwicklung zum Execution Layer: Prozesse werden nicht nur dokumentiert, sondern aktiv orchestriert. Zudem hinterlässt jede automatisierte Prozessausführung strukturierte Daten, die genutzt werden können, um Entscheidungen präziser und Prozesse effizienter zu gestalten. Dieses Zusammenspiel aus Workflow-Tiefe, operativer Entscheidungskompetenz und datenbasiertem Feedback ist die Grundlage nachhaltiger TAM-Expansion in operative (OPEX) Budgets.
Für Private-Equity-Investoren ist das unmittelbar bewertungsrelevant: Hohe Gross Retention signalisiert strukturelle Einbettung. Net Revenue Retention über 110–120 Prozent weist auf wachsende Workflow-Durchdringung und Expansion aus dem Bestand hin. EBITDA-Margen von 25–35 Prozent zeigen, dass Automatisierung skalierbar im Produkt verankert ist und nicht nur projektbasiert erfolgt.
Execution Authority als neuer Bewertungsmaßstab
Die „SaaSpocalypse“ ist kein genereller Markteinbruch, sondern ein Selektionsmechanismus. Interface-zentrierte Modelle geraten unter Druck, weil ihre Differenzierungsmerkmale zunehmend durch generische KI-Funktionalitäten replizierbar werden. Plattformen mit Execution Authority können hingegen ihren TAM schützen oder ihn sogar ausbauen.
Agentic AI ist kein Innovationsprojekt am Rand der Organisation. Sie verändert Geschäftsmodell, Monetarisierung und Steuerungslogik grundlegend. Unternehmen, die ihre Position in geschäftskritischen Workflows festigen und den Schritt zur operativen Prozesskontrolle vollziehen, gestalten die Neubewertung aktiv – statt von ihr getrieben zu werden.
Für Investoren stellt sich damit eine zentrale Bewertungsfrage: Kontrolliert das Unternehmen geschäftskritische Prozesse oder bleibt es auf die Benutzeroberfläche beschränkt?
Über die Autoren:
Dr. Stefan Sambol ist Founding Partner von OMMAX und begleitet seit über 15 Jahren Private-Equity-Investoren in Commercial-, Tech- und AI-Due-Diligence-Prozessen. Er hat mehr als 100 Transaktionen und Portfolio-Projekte verantwortet und gilt als Experte an der Schnittstelle von KI, Software und Wertsteigerung. Sebastian Klötzel und Konstantin Kugler, beide Partner bei OMMAX, beraten Investoren und B2B-Softwareunternehmen regelmäßig bei AI Due Diligences, strategischer Positionierung und Value-Creation-Programmen im Kontext von Agentic AI.
